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Standard · ISO

ISO/IEC 27005 — Informationssicherheits-Risikomanagement

Aktualisiert am 4 Min. Geprüft von: Cenedril-Redaktion
ISO 27005ISO 27001

Im Management-Review legt der ISMS-Verantwortliche das Risikoregister vor: 47 Risiken, Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmass je auf einer 1–5-Skala, Risiko-Eigentümer benannt, Behandlungs-Maßnahmen priorisiert. Die Geschäftsführung diskutiert den Top-10-Auszug und entscheidet über das Restrisiko-Akzeptanzlevel. Ohne strukturierte Methodik wird aus dieser Sitzung schnell eine Bauchgefühl-Diskussion ohne Wiederholbarkeit.

ISO/IEC 27005:2022 liefert die Methodik für Informationssicherheits-Risikomanagement im Kontext eines ISMS nach ISO 27001. Der Standard ist als Leitfaden formuliert und beschreibt den vollständigen Risikomanagement-Prozess — von der Etablierung des Kontexts über die Risikobeurteilung bis zur kontinuierlichen Überwachung.

Was umfasst der Standard?

ISO 27005 strukturiert den Risikomanagement-Prozess in sechs Schritte und einen iterativen Zyklus. Die Logik orientiert sich an ISO 31000, fokussiert aber auf Informationssicherheits-Risiken.

Der Risikomanagement-Prozess

  • Kontext-Etablierung: Geltungsbereich, Kriterien für Risikoakzeptanz, Methodenwahl, Beteiligung der Stakeholder.
  • Risiko-Identifikation: Welche Risikoquellen, Bedrohungen und Schwachstellen existieren? Welche Werte (Assets) sind betroffen, welche Folgen sind möglich?
  • Risiko-Analyse: Bewertung von Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadensausmass, qualitativ oder quantitativ.
  • Risiko-Bewertung: Vergleich der analysierten Risiken mit den Akzeptanz-Kriterien, Priorisierung.
  • Risiko-Behandlung: Auswahl einer Behandlungs-Option (Vermeiden, Vermindern, Übertragen, Akzeptieren), Auswahl konkreter Kontrollen — typisch aus Annex A der ISO 27001.
  • Akzeptanz des Restrisikos: Dokumentierte Entscheidung der zuständigen Leitung.

Begleitend dauerhaft:

  • Kommunikation und Konsultation der Stakeholder
  • Überwachung und Überprüfung der Risiken und der Wirksamkeit der Behandlung

Risiko-Identifikation: zwei Vorgehens-Modelle

ISO 27005:2022 nennt explizit zwei Ansätze, die sich auch kombinieren lassen:

  • Ereignis-basiert: Ausgangspunkt sind plausible Schadensereignisse („Was wäre, wenn unser Webshop drei Tage offline ist?”). Top-down, gut für Geschäftsführung und Risiko-Workshops.
  • Asset-basiert: Ausgangspunkt sind die Werte (Asset-Inventar), für die Bedrohungen und Schwachstellen identifiziert werden. Bottom-up, gut für IT-Teams und detaillierte Risikoregister.

In der Praxis arbeiten reife Organisationen häufig mit einer Mischform: Ereignis-basierte Top-Risiken aus Workshops werden mit Asset-basierten Detail-Risiken im Register ergänzt.

Risiko-Behandlung und Statement of Applicability

Die ausgewählten Kontrollen aus der Risiko-Behandlung münden in das Statement of Applicability nach ISO 27001 Klausel 6.1.3. ISO 27005 beschreibt den Mechanismus:

  • Pro Risiko wird mindestens eine Behandlungs-Option gewählt.
  • Bei „Vermindern” werden konkrete Kontrollen zugewiesen — typisch aus Annex A der ISO 27001.
  • Das SoA listet alle Annex-A-Kontrollen mit Status (anwendbar oder nicht) und Begründung.
  • Der Risiko-Behandlungsplan dokumentiert Maßnahmen, Verantwortliche, Termine.

Verhältnis zu ISO 27001

ISO 27005 ist nicht zertifizierbar und ergänzt ISO 27001 um Methodik. ISO 27001 verlangt einen Risikomanagement-Prozess, schreibt aber keine Methode vor. Wer ISO 27005 nutzt, dokumentiert in der Risikomanagement-Richtlinie die Anlehnung an den Standard und folgt dessen Logik. Im Audit fragt der Auditor typischerweise:

  • Wie ist der Risikomanagement-Prozess dokumentiert?
  • Welche Risikobewertungs-Kriterien wurden festgelegt?
  • Wie wurde die Risiko-Identifikation durchgeführt? Liegt ein vollständiges Risikoregister vor?
  • Wie sind Risiko-Eigentümer benannt?
  • Wie ist die Restrisiko-Akzeptanz dokumentiert (idealerweise mit Datum und Unterschrift)?

Mapping zu anderen Standards

StandardVerhältnis zu ISO 27005
ISO/IEC 27001:2022Liefert die Anforderung an einen Risikomanagement-Prozess; ISO 27005 die Methodik
ISO 31000:2018Allgemeiner Risikomanagement-Standard; ISO 27005 nutzt dessen Begriffe
NIST SP 800-30US-Pendant für Risk Assessment; vergleichbarer Prozess, andere Skalen
FAIR (Factor Analysis of Information Risk)Quantitative Methodik; kompatibel mit ISO 27005
OCTAVE AllegroAsset-zentrierte Methodik; alternativer Ansatz mit ähnlichem Ergebnis
BSI Standard 200-3Risikoanalyse für IT-Grundschutz; eigene Methodik mit Bausteinen

Implementierungs-Aufwand

Erstmalige Risikobeurteilung (KMU): 5–15 Tage. Beinhaltet Asset-Identifikation, Workshops mit Fachbereichen, Bewertung, Behandlungsplan. Bei stark verteilten oder komplexen Geschäftsprozessen entsprechend mehr.

Jährliche Aktualisierung: 1–3 Tage konzentriertes Arbeiten plus laufende Pflege bei wesentlichen Änderungen (neue Systeme, Auslagerungen, größere Vorfälle).

Risiko-Workshops mit der Geschäftsführung: 2–4 Stunden vor jedem Management-Review, häufig halbjährlich.

Werkzeug-Entscheidung: Excel funktioniert in den ersten 1–2 Jahren, wird ab 100+ Risiken oder mehreren Geschäftsbereichen unhandlich. Ab dort lohnt sich ein dedizierter Risikoregister mit Verknüpfung zu Assets, Kontrollen und Vorfällen.

Verwandte Standards

Quellen

Häufig gestellte Fragen

Ist ISO 27005 für eine ISO-27001-Zertifizierung verpflichtend?

Nein. ISO 27001 verlangt einen dokumentierten Risikomanagement-Prozess, lässt aber die Methode offen. ISO 27005 bietet eine bewährte Methodik, ist im Audit sofort anschlussfähig und verkürzt Diskussionen mit Auditoren. Alternativen wie OCTAVE, FAIR oder eine eigene Methodik sind zulässig, wenn sie konsistent dokumentiert sind.

Wie unterscheidet sich ISO 27005:2022 von der Vorgängerversion?

Die 2022er-Revision strukturiert den Prozess konsequenter nach Plan-Do-Check-Act, integriert Begriffe aus ISO 31000 (allgemeines Risikomanagement) und verzichtet auf das frühere Anhang-Beispiel mit konkreten Skalen. Die Methodenwahl liegt jetzt explizit bei der Organisation, der Standard liefert nur den Rahmen.

Welche Schadensausmass-Skala ist üblich?

Praktisch dominieren 4- oder 5-stufige qualitative Skalen, oft mit monetärer Hinterlegung pro Stufe (z. B. < 10.000 EUR, 10.000–100.000 EUR, 100.000–1 Mio EUR, > 1 Mio EUR). Quantitative Methoden wie FAIR oder Monte-Carlo-Simulation sind aufwändiger und lohnen sich vor allem bei großen Konzernen oder im Versicherungs-Kontext.